In memoriam Rudolf Jusits

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Mit dem Österreichischen Schauspieler und Regisseur Rudolf Jusits (1948 – 2005) hat mich nicht nur eine tiefgehende Freundschaft verbunden. Er war für mich gleichzeitig Kollege, Lehrer, Schützling, intelligenter Kritiker und respektvoller Bewunderer. An jedem Menschen fand er etwas Positives und konnte gerade über die kleinen Dinge des Lebens staunen wie ein Kind.

Ich schätze mich glücklich, sein Freund gewesen zu sein! Das folgende Gespräch haben wir 1998 geführt. Es trifft in vielen Punkten auch heute noch genau den Nagel auf den Kopf…

 

Leonhard: Rudi, du bist dafür bekannt, dass eine Zusammenarbeit mit dir manchmal eine Herausforderung ist. Und die Ergebnisse geben dir Recht. Was ist dein Ansatz?

Rudolf: Wenn ich in der Funktion des Regisseurs arbeite, versuche ich, durch die Verbreitung einer ganz bestimmten Atmosphäre, Angst zu nehmen und eher das Gefühl von Lockerheit und liebevoller Verbundenheit herzustellen.

Leonhard: Wovor haben, deiner Erfahrung nach, die meisten Angst?

Rudolf: Ja, schon vor dem Versagen. Aber es ist nicht ganz so einfach. Jeder möchte ein ganz bestimmtes Image der Kunstfertigkeit vermitteln. Das ist überhaupt eines der Grundübel in diesem Beruf, dass man sich sehr schnell von seinem Selbst entfernen kann und immer mehr ein Image lebt. Man lebt so, wie man glaubt, dass einen die anderen sehen wollen.

 

Leonhard: Höre ich heraus, dass man Angst hat, die anderen könnten herausfinden, wer man wirklich ist?

Rudolf: Das ist ein sehr tiefgreifendes Thema, das, wie ich glaube, die Narzissmus-Lehre zu unterscheiden und zu definieren versucht. Also diesen Unterschied zwischen dem Selbst und dessen ureigensten Bedürfnissen und dem, was man glaubt, dass die anderen von einem wollen. Aber in Wahrheit läuft es darauf hinaus, dass man Angst hat, den Text zu vergessen – oder, je nach Ehrgeiz, von den Idealen seines Spiels entfernt zu sein. Eine sehr bekannte Schauspielerin hatte nach einem peinlichen Versprecher einen so schweren Schock, dass sie in Behandlung musste. Wenn einer einen sehr großen Anspruch an sich stellt, und mag der noch so daneben liegen, dann wird der kleinste Fehler, der objektiv vielleicht gar nicht bemerkbar ist, das Gefühl einer Katastrophe vermitteln.

 

Leonhard: Was empfiehlst du als vorbeugende Maßnahme?

Rudolf: Fleiß und Übung ist schon die Voraussetzung. Wobei hier die Vielseitigkeit und Balanciertheit der Übung die Herausforderung ist. Übung wird meist von einem begabteren Menschen unterbewertet und dort, wo nur eine gewisse Begabung da ist, überbewertet. Fleiß und Übung können aber auf gar keinen Fall schaden. Natürlich darf man die körperliche Konstitution und die Seele nicht vernachlässigen. Ein Schauspieler ist ein Seelen-Akrobat. Aber wie ein Instrumentalist, ein Musiker, seine Seele nur zum Ausdruck bringen kann, wenn er sein Instrument beherrscht, so kann auch ein Schauspieler gewisse Gefühle nur dann auf Abruf und jedesmal zeigen, wenn er sein Handwerk beherrscht. Diese schizoide Haltung, dass man einerseits vollkommen „drinnen“, also in den Gefühlen der Rolle, sein muss, gleichzeitig aber einem vorgegebenen Ablauf folgen muss, schafft man nur mit einer soliden Basis.

 

Leonhard: Wie bereitest du dich selbst vor?

Rudolf: Ich achte darauf, dass ich körperlich und geistig genug trainiert und geübt habe. Ich brauche die Sicherheit zu wissen, dass ich, wenn Stolperer passieren, drüber gehen kann. Ich halte das veraltete Wort „Fleiß“ für die Basis, um mit der künstlerischen Ausdrucksweise auf ganz andere Ebenen zu kommen.

 

Leonhard: Was hältst du von vorbeugender Psychotherapie, mentalem Training oder emotionaler Regiearbeit?

Rudolf: Sehr viel. Für jeden Künstler ist das zunächst keine Krankenbehandlung, sondern eine Bereicherung, ein Erweitern der Möglichkeiten und möglicherweise erst ein Ventil für die Begabung. Allerdings sollte man damit schon beginnen, wenn man den Eindruck bekommt, dass man das, was in einem steckt, nicht voll zur Geltung bringen kann. Nicht erst, wenn man daran zerbrochen ist. Emotionale Regiearbeit ist da ein gutes Beispiel. Diese Kopfwerkzeuge, wie ich sie von dir kenne, sind eine äußerst wirkungsvolle Methode, um das, was man kann, zu perfektionieren und das, was man vielleicht nicht kann, überhaupt erst zu finden und darzustellen.

Mir scheint es so, als ob hohe Begabung parallel mit einer sehr hohen Gefährdung geht. Aber diese Menschen haben dann meist gelernt, mit einer enormen Disziplin zu leben, oder sie scheitern.

Es ist eine Binsenweisheit, dass in Amerika jeder Schauspieler einen Therapeuten oder Auftrittscoach hat. Der Komiker Jim Carrey hat erst unlängst in einem Interview gesagt, dass für ihn seine drei (!) Therapeuten eine unbedingte Notwendigkeit sind. Dass er dort alles hinauskotzen kann, was er halt im Leben nicht kann, und er deshalb seine kreative Energie auf den Beruf fokussieren kann. Ich meine – das ist ja auch klar – eine neurotische Entwicklung kostet unheimlich viel Energie. Die ganze verfügbare Energie geht dann verloren, weil man sie eben leider nicht – wie im Klischee – in Kunst sublimieren kann.

 

Leonhard: Wovon, glaubst du, hängt es ab, ob es jemand als Schauspieler schafftt?

Rudolf: Irgendwo ist es natürlich auch eine Frage des Zeitgeistes. In unserer hochkapitalisierten Konsumgesellschaft hat kaum jemand noch die Zeit nach innen zu gehen und Ruhe zu finden. Es ist auch die Zeit der Erreichbarkeit. Jeder hat drei Handys, sechs Telefaxe und Internet. Das läuft der Natur des Menschen irgendwie zuwider. Wenn man sich jetzt noch das doch recht oberflächliche Fernsehen mit seiner Schnelllebigkeit und inflationären Star-Erzeugung – jeder kann theoretisch über Nacht ein Star sein – anschaut, kann man den Eindruck gewinnen, es kommt überhaupt nicht mehr auf Talent und Fleiß an. Aber dieser Schein trügt. Fernsehen hat seine eigenen Gesetze und ich gebe zu, dass es dort  schwer ist, Kriterien für Qualität zu finden. Bei Film und Theater merkt man aber schon sehr schnell, ob jemand etwas kann. Da kommt es zuallererst auf ein solides Handwerk an. Bei einem Hamlet oder Richard III scheidet sich die Spreu vom Weizen.

Ein ganz anderer Punkt ist meines Erachtens, dass die Realität unseres Berufes für den Anfänger unwirklich erscheint. Jeder möchte ein Star werden, und dem folgt dann meist irgendwann die Enttäuschung oder der Zusammenbruch. Der Student glaubt nicht, dass „Schauspieler“ in erster Linie ein Beruf ist, für den man hart arbeiten muss. Unser Beruf wird nicht auf den Titelseiten der Boulvard-Presse definiert. Er ist nicht dazu da, um ein Star zu werden. Es gibt zwar welche, die das geschafft haben, aber das ist ein winziger Prozentsatz. Das gilt natürlich für jeden anderen Beruf auch, aber beim Künstler ist es besonders drastisch. Schon allein die Tatsache, dass ein Stück aus vielen Rollen besteht und nicht jede Rolle eine Hauptrolle ist, weist darauf hin, dass es sich hier um ein Handwerk handelt. Der Alltag des Handwerkers ist aber, sein Werkzeug zu warten und fachlich gut zu bleiben, damit er im Bedarfsfall seine Arbeit verrichten kann. Unser Werkzeug sind wir selbst und wir müssen im Training bzw. in Übung bleiben.

Wer mit falschen Vorstellungen diese Laufbahn beginnt, läuft Gefahr, einem Trugbild nachzulaufen und sich selbst zu versäumen. In der Entwicklung, im Lernen, in der Freude an den kleinen Schritten.

Bei einem Musikinstrument ist dieser Punkt rasch geklärt: Da hört einer irgendeinen Virtuosen und setzt sich dann selbst ans Klavier, um das Konzert nachzuspielen. Er wird rasch bemerken, dass es nicht so einfach geht. Er wird erfahren, dass der Künstler 20 Jahre lang Tag und Nacht geübt hat.

Beim Schauspieler ist das vielleicht nicht gleich so offensichtlich. Aber bei allen, die etwas erreicht haben und dieses Erreichte halten konnten, wird man enormen Fleiß und Üben – und irgendeine Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche – finden. Das kann verschiedene Gesichter haben, aber ohne dem geht es nicht. Das unterscheidet dann den Meister (nicht den Star) vom ewig „glücklosen“ Talent.

Mehr über meine eigene Geschichte hier.

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