HandpflanzeMozart-1024x647

Stinkt Eigenlob?

Share on Facebook0

Eigentlich kommt es selten vor, dass ich während eines Workshops selbst zu Tränen gerührt bin. So geschehen letztes Wochenende in Graz an der Kunstuni. Eine junge Studentin – nennen wir sie Beate – hatte zwei Tage trainiert, eigene Stärken und (kleinen) Erfolge zu bemerken. Jetzt war die Herausforderung für sie scheinbar einfach: Vor die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu treten und zu sagen: „Ich heisse Beate, kann besonders gut XYZ (sie ist eine wirklich exzellente Musikerin) und das zeige ich Euch jetzt.“ Danach sollte sie das eben Gesagte glaubhaft demonstrieren.

Was so einfach klingt, wurde – wie so oft – auf einmal zu einem unglaublich grossen Problem! Soetwas darf man ja nicht einmal denken, geschweige denn sagen! Das wäre doch mehr als unbescheiden, arrogant, überheblich, unappetitlich, eingebildet, unnatürlich und was einem halt noch so alles unerfreuliches einfällt. Wohlgemerkt, diese junge Frau trainiert jeden Tag etliche Stunden, widmet ihr Leben der Musik!  Wenn sie dann genau das tut, wofür ja auch eigentlich ihr Publikum gekommen ist (nämlich zu erfahren, was unsere Beate gut kann), zieht sie eine Blockade auf. Tapfer versuchte sie die Nuss zu knacken: „Ich bin recht gut im Zuhören…“ stammelt sie. Zuhören?!? Ihr Publikum ist zum Zuhören da, sie zu spielen – oder nicht?

Warum dürfen wir nicht auf unsere besonderen Stärken stolz sein? Oder ist es dann wirklich ein Zeichen von Unreflektiertheit und Unsensibilität? ICH DENKE NICHT! Bei Institutionen oder Firmen ist das für uns alle ja auch ganz selbstverständlich! Für jedes Ding, ob Zahnpasta, Auto, Bankverbindung oder alles andere, wir werden ständig und unentwegt mit Werbung zugemüllt! Selbstverständlich darf mein iPad das beste Sowieso, meine Versicherung die unglaublichste Irgendwas und der Supermarkt das tollste Du-weisst-schon-was haben. Kaum wird es aber persönlich, darf ich das alles offensichtlich nicht mehr?

Doch, natürlich! Deshalb machen wir Musik! Unseretwegen ist unser Publikum gekommen und hat Zeit, Energie und Geld investiert! Zeigen wir ihm doch, was wir gut können und dass es uns selbst Spass macht!

Beate ist den vollen Weg gegangen! Schlussendlich waren es 3 Meter. Vielleicht die wichtigsten 3 Meter ihres Lebens! Nein, sie hat es nicht über die Lippen gebracht, was sie als ihre persönlich grösste Stärke ansieht, aber sie hat es sich wirklich bewusst gemacht! Während sie da vor allen auf der Bühne auf und ab ging, hat sie sich ihre grössten Erfolge und stärksten Momente fest in ihr Bewusstsein gerufen um schliesslich als „strahlende Beate“ schweigend vor uns, ihr Publikum zu treten. Wir konnten Zeugen einer Verwandlung werden, wie sie schwer in Worte zu fassen ist! Ich war tief berührt und war nicht der einzige!

Vielleicht finden wir eines Tages Wege, wie wir die Welt so nehmen können, wie sie zu sein scheint. Vielleicht können wir eines Tages das Beste an jedem Menschen erkennen – und damit auch an uns selbst! Wenn wir das zulassen und dieses Bewusstsein – diese Vielfalt in der Einheit mit den anderen – als selbstverständlich erachten können, dann wird unser Tun viel mehr Freude bereiten! Uns selbst und unserem Publikum!

Solltest du eine Frage dazu haben oder sonst ein direktes Anliegen, schick´ mir eine kurze Botschaft oder melde dich hier.

Share on Facebook0